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Heiliges Compostelanisches Jahr


Das Heilige Compostelanische Jahr (span. ‘‘Año Santo Compostelano‘‘ oder ‘‘Año Santo Jacobeo‘‘) wird begangen, wenn der Festtag des Hl. Jakobus (25. Juli) auf einen Sonntag fällt. Es ist mit der Vergabe eines vollkommenen Nachlasses zeitlicher Sündenstrafen verbunden. Das Heilige Jahr ist identisch mit dem entsprechenden Kalenderjahr. Es beginnt am 31. Dezember des Vorjahres mit der Öffnung einer ‘‘Heiligen Pforte‘‘.




Pilger vor der Puerta del Perdón, 1993


Die Bulle ‘‘Regis aeterni‘‘

Grundlage für die Begehung der Heiligen Jahre ist die Bulle ‘‘Regis aeterni‘‘, die laut Text am 25. Juni 1179 von Papst Alexander III. promulgiert worden ist. Die Bulle ist in zwei Exemplaren der Zeit um 1500 erhalten, die beide im Kathedralarchiv von Santiago de Compostela verwahrt werden - einer Prachthandschrift und einer einfacher gestalteten Urkunde. In der Bulle beruft sich Papst Alexander auf ältere Privilegien, die bereits einer seiner Vorgänger, Papst Calixtus II., erteilt habe. Demnach sei jedem Pilger, der in einem Heiligen Jahr das Grab des Apostels Jakobus in der Kathedrale von Santiago de Compostela aus Gründen der Verehrung und in Bußgesinnung besuche, nach dem Vorbild des römischen Jubiläumsablasses ein vollkommener Nachlass aller auf ihm lastender zeitlicher Sündenstrafen gewährt.

Aus mehreren Gründen muss die Urkunde als Fälschung angesehen werden:

1. In dem Text bezieht sich Papst Alexander III. auf den römischen Jubiläumsablass, den auch die Pilger in Santiago erhalten würden. Doch wurde der römische Jubiläumsablass erst im Jahre 1300 durch Papst Bonifatius VIII. eingeführt. Alexander III. hat im Jahre 1179 noch nichts davon wissen können.

2. Die Akten einer Regionalsynode, die Mitte des 13. Jahrhunderts in Santiago de Compostela abgehalten wurde, verzeichnen mit großer Sorgfalt alle Ablässe, die an der Kathedrale vergeben werden. Dabei handelt es sich ausschließlich um Teilablässe; ein Plenarablass aus Anlass eines besonderen Gnadenjahres wird nicht erwähnt.

3. Vollkommene Nachlässe zeitlicher Sündenstrafen sind in der Geschichte des Ablasswesens zwar im 12. Jahrhundert bekannt, jedoch lediglich als Kreuzzugsablässe. Die Vergabe eines Plenarablasses an einem Wallfahrtsort wäre für diese Zeit ein Anachronismus.


Geschichte

Im Gegensatz zu den Aussagen der Bulle ‘‘Regis aeterni‘‘ ist die Praxis von Heiligen Jahren erst ab dem 15. Jahrhundert in Santiago de Compostela nachweisbar. Erste Hinweise bieten Lizenzen der englischen Krone für Schiffspassagen nach Santiago. Demnach ist erstmals für das Heilige Jahr 1428 mit 916 Pilgern aus England ein deutlicher Anstieg feststellbar, ebenso für 1434, als 2310 englischen Pilgern die Überfahrt nach Spanien gestattet wurde. Hingegen scheint 1423, als der 25. Juli ebenfalls auf einen Sonntag gefallen ist, die Praxis besonderer Gnadenjahre noch nicht bestanden zu haben, denn in jenem Jahr wurde lediglich für ein einziges Pilgerschiff mit 60 Passagieren eine Lizenz ausgestellt. Aufgrund des Zahlenmaterials wird man davon ausgehen können, dass gegen Ende des 15. Jahrhunderts etwa vierzehn mal soviele Pilger wie in Normaljahren nach Santiago gekommen sind.




Puente del Orbigo


Bedeutendstes Ereignis des Heiligen Jahres 1434 war der sog. Paso Honroso, ein ritterlicher Zweikampf, zu dem der leonesische Ritter Suero de Quinones zwischen dem 10. Juli und dem 9. August auf der Puente de Orbigo alle nach Santiago pilgernden Ritter herausforderte. Es heißt, Don Suero habe 300 Lanzen geritten und keinen Zweikampf verloren.

Die Pilger standen zu den Heiligen Jahren unter besonderem Schutz der Herrscher. So gewährte König |Johann II. von Aragón sowohl 1434 wie auch 1445 "den Einwohnern der Königreiche Italien, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Schweden, Norwegen oder von jedweder anderen Nation" freies Geleit auf dem See- und dem Landweg, in der Nacht und am Tage. Der Höhepunkt des Heiligen Jahres 1479 war die Pilgerfahrt der ‘‘katholischen Könige‘‘ Isabella von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón.

Im Jahr zuvor, 1478, hatte Papst Sixtus IV. ein für die Legitimität der Heiligen Jahre Santiagos bedeutsames Dekret erlassen. Darin behielt er dem Heiligen Stuhl das alleinige Recht vor, von Pilgerfahrten zu den Apostelgräbern sowohl nach Rom wie auch nach Santiago de Compostela zu dispensieren. Auch wenn es nicht ausdrücklich gesagt ist, so lässt sich doch aus der Gleichsetzung der Pilgerfahrten nach Rom und Santiago eine päpstliche Sanktionierung der compostelanischen Praxis, Heilige Jahre zu begehen, herauslesen.

Nach einem ersten Niedergang während der andauernden Kriege zwischen Frankreich und Spanien im 17. Jahrhundert konnte der Pilgerort durch umfangreiche Baumaßnahmen an der Kathedrale wieder auf sich aufmerksam machen. Während des Heiligen Jahres 1717 hielten sich dermaßen viele Pilger in Santiago auf, dass die anwesenden Beichtväter nicht ausreichten, um allen das Sakrament der Vergebung zu spenden.

Die Pilgerfahrt nach Santiago lebte nach einem erneuten Niedergang im frühen 19. Jahrhundert mit dem Heiligen Jahr 1885 wieder auf, nachdem Papst Leo XIII. ein Jahr zuvor die Echtheit der wiederaufgefundenen Gebeine des Apostels bestätigt hatte.

Im 20. Jahrhundert nahm der Zustrom zu, insbesondere, nachdem General Francisco Franco den Apostel im Vorfeld des Heiligen Jahres 1938 erneut zum Nationalheiligen Spaniens bestimmt hatte. Seitdem gehört die ‘‘Ofrenda al Apostol‘‘, eine Opfergabe der spanischen Nation an das Domkapitel, die vom Staatsoberhaupt oder einem Mitglied der königlichen Familie dargebracht wird, zu den Höhepunkten der Feierlichkeiten anlässlich eines Heiligen Jahres. Ein besonderer Anstieg wurde im Heiligen Jahr 1965 verzeichnet, als sich die Pilgerzahlen mehr als verdreifachten. 1982 besuchte mit Johannes Paul II. erstmals ein Papst Santiago de Compostela anlässlich eines Heiligen Jahres. In einer Predigt in der Kathedrale betonte er die Vorbildwirkung eines apostolischen Lebens in Nachfolge und Demut, im Anschluss daran forderte er bei einer Europafeier das christliche Europa auf, sich auf seine Wurzeln zu besinnen, die Völker der Dritten Welt für erlittenes Unrecht um Vergebung zu bitten und von nun an in positivem Sinne ein Leuchtturm in der Welt zu sein.




Santiago de Compostela: Puerta del Perdón


Die ‘‘Puerta del Perdón‘‘

Die Praxis, aus Anlass eines Heiligen Jahres eine "Pforte der Vergebung" (‘‘Puerta del Perdon‘‘), auch ‘‘Puerta Santa‘‘ (Heilige Pforte) genannt, zu öffnen, ist seit dem späten 15. Jahrhundert belegt und geht auf das Vorbild der Petrusbasilika in Rom zurück. Das Durchschreiten einer Heiligen Pforte bedeutet den symbolischen Übergang von der Schuld zur Gnade. Verwendet wird eine romanische Tür, die an der Ostseite der Kathedrale zwischen den Kapellen des Salvators und des hl. Petrus in den Chorumgang führt. Im Jahre 1611 wurde die Pforte durch einen frühbarocken Vorbau, der nach Plänen der Baumeister Gonzáles Araujo und Fernández Lechuga errichtet wurde, gestalterisch akzentuiert. Im oberen Abschluss zeigt der Vorbau die Skulpturen des hl. Jakobus und seiner Schüler Athanasius und Theodorus. In der eigentlichen Pforte betreten die Pilger die Kathedrale unter dem lateinischen Spruch "Venient omne gentes et dicen gloria tibi Domine" (Es kommen alle Völker und verkünden Deine Ehre, Herr).

Bis zur letzten Öffnung einer Heiligen Pforte am 31. Dezember 2003 war es üblich, dass eine Wand, mit der die Tür vermauert war, nach drei Schlägen des Erzbischofs eingerissen wurde. Nach dem letzten Heiligen Jahr ist keine neue Wand eingemauert, sondern eine Bronzetür eingesetzt worden, die bis zum 31. Dezember 2009 verschlossen bleibt.


Außerordentliche Heilige Jahre

Zweimal - 1885 und 1938 - sind in der Geschichte Santiagos außerordentliche Heilige Jahre begangen worden. 1885, als der Jakobustag auf einen Samstag fiel, wurde die im Jahr zuvor von Papst Leo XIII. verkündete Echtheitserklärung der wiederaufgefundenen Jakobusreliquien gefeiert. Nach dem Heiligen Jahr 1937 blieb die "Pforte der Vergebung" ein weiteres Jahr geöffnet, um denjenigen, die durch den Bürgerkrieg am Kommen gehindert waren, die Erlangung des Ablasses zu ermöglichen. Ein weiterer Grund bestand in der von General Franco veranlassten Wiedereinführung der "Ofrenda al Apóstol".

Aufgrund der beiden Präzedenzfälle wird immer wieder die Abhaltung zusätzlicher Heiliger Jahre vorgeschlagen. So wurde für 2000, als Santiago europäische Kulturhauptstadt war, angeregt, die Heilige Pforte ein weiteres Jahr offen zu halten, was das Domkapitel ablehnte. Im Sommer 2009 machte der Stadtrat für Wirtschaft und Tourismus im Rathaus von Santiago, Xosé Manuel Iglesias, den Vorschlag, die lange Zeitspanne zwischen 2010 und 2021 durch ein zusätzliches Heiliges Jahr zu verkürzen.


Pilger in den Heiligen Compostelanischen Jahren seit 1909 (geschätzt)

1909: 140.000
1915: 103.000
1920: 112.000
1926: 90.000
1937: 134.000
1938: 8000
1943: 200.000
1948: 500.000
1954: 700.000
1965: 2.500.000
1971: 4.00.000 (davon traditionell 451)
1976: 4.000.000 (davon trad. 243)
1982: 4.000.000 (davon trad. 1868)
1993: 7.000.000 (davon trad. 99.436)
1999: 10.800.000 (davon trad. 154.613)
2004: 12.000.000 (davon trad. 179.944)

Pilger ist im Verständnis der römisch-katholischen Kirche jeder, der in Andacht und aus Gründen der Verehrung zum Grab des hl. Jakobus kommt. Die Art der Anreise ist unerheblich. Nur für die Ausstellung der Pilgerurkunde "Compostela", die - kanonisch gesehen - ein Souvenir ist, werden entsprechende Nachweise der Fortbewegungsart verlangt. Die für 2004 erhobene Zahl von 12 Millionen Pilgern bezieht sich auf die Gesamtzahl der Menschen, die im Laufe des Jahres aus religiösen Gründen die Kathedrale von Santiago betreten haben. Das Kathedralkapitel bedient sich drei traditioneller Zählmethoden:

1. Die Zahl jener, die durch die Heilige Pforte an der Ostseite der Kathedrale gehen

2. Die Zahl der ausgegebenen Heiligenbildchen: Jeder, der an der großen Sitzfigur des hl. Jakobus auf dem Hochaltar eine Spende in den Almosenkosten legt, erhält ein Heiligenbildchen.

3. Die Zahl der gespendeten Kommunionen während der Heiligen Messen in der Kathedrale

Pilger, die zu Fuß, mit dem Pferd oder dem Fahrrad ankommen, werden in Santiago de Compostela seit 1953 erfasst. Allerdings sind die Aufzeichnungen aus den Jahren vor 1970 nicht mehr auffindbar.

Quelle: Sternenweg, Mitgliederzeitschrift der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft e.V., Nr. 28 (2001) S. 26, Nr. 35 (2005) S. 24-27.


Das Heilige Compostelanische Jahr zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Während eines Heiligen Jahres haben römisch-katholische Christen und Angehörige der mit Rom unierten Kirchen die Möglichkeit, ein Mal einen Plenarablass zu erwerben. Zur Erlangung dieses vollkommenen Ablasses müssen seitens der Pilger drei Bedingungen erfüllt sein:

1. Besuch der Kathedrale von Santiago de Compostela aus Gründen der Verehrung und in Bußgesinnung

2. Teilnahme an einem Gottesdienst in der Kathedrale sowie Verrichtung des Vaterunser, des Credo und eines Gebetes in den beiden Intentionen des Papstes für den jeweiligen Monat.

3. Empfang der Sakramente der Buße und der Eucharistie. Dabei soll die Kommunion in der Kathedrale empfangen werden und die Beichte innerhalb von fünfzehn Tagen vor oder nach dem Besuch der Kathedrale erfolgen.

Die Art der Anreise hat für die Erlangung des Plenarablasses keine Bedeutung. Die an nichtmotorisierte Pilger ausgegebene Urkunde ‘‘Compostela‘‘ ist keine Ablassbescheinigung.

1993 hat die Regierung der Autonomen Region Galicien unter dem Label ‘‘Xacobeo‘‘ die touristische Vermarktung der Heiligen Jahre begonnen. Die religiösen Anliegen werden dadurch zunehmend verdeckt, auch wenn die Erzdiözese mit engagierten Hirtenschreiben der jeweiligen Erzbischöfe den geistigen Sinngehalt von Umkehr und Erneuerung wieder in das Bewusstsein der Menschen zu holen versucht.

Warteschlangen von Gläubigen vor den Beichtstühlen in den Heiligen Jahren 1999 und 2004 zeigen indes, das die religiösen Inhalte nach wie vor einen hohen Stellenwert besitzen.


Literatur

Juan Pérez Millán: ‘‘Cronologia del Año Santo Compostelano.‘‘ In: ‘‘Compostela‘‘ Nr. 12 (1948) S. 17-19

Bernhard Schimmelpfennig: ‘‘Die Anfänge des Heiligen Jahres von Santiago de Compostela im Mittelalter.‘‘ In: ‘‘Journal of Medieval History‘‘ 4, 1978, S. 285-303

Klaus Herbers: ‘‘Die Urkunde über die Verleihung eines Jubiläumsablasses im Heiligen Jahr.‘‘ 6. Jahresgabe der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft e.V. Aachen 1992

José I. Carro Otero: ‘‘El Año Santo. Su significado religioso-eclesial.‘‘ In: ‘‘El Apóstol Santiago y su proyección en la Historia. 10 Temas didacticos.‘‘ Santiago de Compostela 1993, S. 59-66.

Manuel F. Rodriguez: ‘‘Los Años Santos Compostelanos del siglo XX. Crónica de un Renacimiento. Caminos y Huellas.‘‘ Santiago de Compostela 2004, 455 S., ISBN 84-453-3839-0

Heinrich K. Bahnen: ‘‘Pilgerstatistik des Heiligen Jahres 2004.‘‘ In: ‘‘Sternenweg‘‘ 35 (2005) S. 24-27



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